SÜDWEST PRESSE 21.11.2005
CHORKONZERT
Lodernde Flammen
So eindrucksvoll wie kurz war das Konzert des Kammerchors "Ton-Art" im sehr gut besuchten Stadthaus. Diesmal ging es um die Leidenschaft im Lied.
SUSANNE RUDOLPH
Nein, nur "pauschal-leidenschaftlich" trat der ambitionierte Kammerchor Ton-Art ganz gewiss nicht auf bei seinem fünften Konzert im Stadthaus. Seit seiner Gründung im Sommer 2002 bemühen sich das 15-köpfige Vokalensemble und sein überaus engagierter Dirigent Stephan Doormann um den passenden Ton zum jeweiligen Werk, um eine souveräne Technik und besonders, so Doormann, um die Ausgewogenheit zwischen "Emotion und Homogenität". Keine sterile Perfektion also, der wahre Musiker will Empfindungen auslösen beim Hörer, und er nimmt dafür auch kleinere Mängel in Kauf. So mussten sich die Ton-Art-Sänger zu Beginn bei den vier Brahmsschen Zigeunerliedern op. 112 hörbar warm singen, und die Schwäche der Tenöre blieb nicht ohne Wirkung auf die erwünschte Stimmbalance.
Dennoch: Ein beeindruckendes Konzert. Schumanns selten zu hörendes "Zigeunerleben" war ein einziger Genuss, bezwingend ausgelotet in seinen Stimmungswechseln: Da sah man, rhythmisch vibrierend und feinst artikuliert, die Flammen förmlich flackern. Haydns kauziger Witz wurde in den beiden "Vierstimmigen Gesängen" köstlich verdeutlicht, Bartóks "Vier slowakische Volkslieder" erklangen in all ihren Schattierungen. Transparenz, das Aufspüren einer Stimmung, die ebenso pointierte wie behutsame Textverdeutlichung, die schmiegsam-weiche und doch konturierte Klanggebung, das Austarieren von dynamischer Forcierung und gebändigter Ekstase - das sind besondere Stärken dieses Chores.
Und dazu passte wunderbar der junge Mann am Klavier, Cristian Peix, der mit allen Vorzügen eines Liedpianisten ausgestattet ist: einfühlsam, stützend, Akzente liefernd, Stimmungen im Voraus empfindend oder nachbetonend. Vorzüge, die man auch in seinen Soli (zwei Stücke aus Bartóks "Mikrokosmos" und zwei aus Brahms op. 118) bewundern konnte.
Als nach langem Applaus und einer originellen Zugabe (Sven-Eric Johanson) das Konzert nach nur 60 Minuten zu Ende war, klang noch vieles nach. Etwas Besseres kann einem Chor nicht passieren.