Südwest Presse vom 19.10.2004
Ulmer Kulturspiegel



KONZERT / Kammerchor Ton-Art in der Wengenkirche

Herr auf dich traue ich

 
Faszination zwischen Andacht und Konzert: Der Kammerchor ''TonArt'' bot in der Wengenkirche Psalmvertonungen von Heinrich Schütz bis zur Gegenwart.
 
CHRISTA KANAND
 
Nomen est omen. ''TonArt'', das ist nach dem englischen ''art'' ein Kunstwerk aus Tönen. Keine Frage, Dirigent Stephan Doormann und der gemischte Kammerchor, den er seit der Gründung vor zwei Jahren leitet, bietet Chorkultur erster Güte: transparente, schwebende Klangfaszination in einem Fluidum aus Andacht und Konzert. Ganz in Schwarz sangen die 15 recht jungen TonArt-Choristen, deren schöne Stimmen alle ausgebildet sind, im Halbkreis am Altar der Wengenkirche. Im fast vollen Chorraum stellten sie zunächst das Konzert-Motto mit der Heinrich-Schütz-Psalmvertonung ''Herr, auf Dich traue ich'' vor. Psalmen beruhen auf dem Dialog zwischen Mensch und Gott. Die jahrtausendealten Texte sind in christlicher und jüdischer Tradition Ausdruck jedweder menschlicher Emotionen, wie Stephan Doormann erklärte. Im Blick auf den Trauermonat November hatte der 27-Jährige, der in Stockholm ein Musikaufbaustudium absolviert, Psalmen mit tröstlichen Inhalten gewählt. Der Schwerpunkt lag auf frühbarocken Vertonungen von Schütz und Johann Hermann Schein. In deren Motetten, etwa in ''Zion spricht'' , ''Die Himmel erzählen die Ehre Gottes'' oder ''Die mit Tränen säen'', leistete der intonationsstabile Chor im heiklen polyphonen Geflecht bis zur Achtstimmigkeit Enormes. Der Wandel der Psalmvertonungen im Laufe der Jahrhunderte wurde in drei Zyklen durchschritten. Von den Motetten der beiden Bach-Vorgänger ging der Brückenschlag vom homophonen Stil der Romantik, darunter der anrührende Ohrwurm ''Der Herr ist mein Hirte'' des jüdischen Komponisten Louis Lewandowski, bis zur heutigen modernen Tonsprache: Andreas Weil, der Ulmer Dekanatskantor, improvisierte auf der Hauptorgel fantasievoll über ''Herr, auf dich traue ich'' und über den Psalm 149. Zudem versah Andreas Weil am Chororgelpositiv auch den begleitenden Basso-continuo-Part zusammen mit Friederike Baumgärtel (Gambe) und Frank Schmitt (Theorbe), die auch zartbesaitet mit Tanzsätzen von August Kühnel und mit Dietrich Buxtehudes Sonate in D zu meditativem Einhalt einluden. Nach Streicheleinheiten für die Seele bei Mendelssohn Bartholdys ergreifendem A-cappella-Doppelchor ''Richte mich, Gott'' krönte die strahlende ''Alleluja''-Fuge aus Johann Hermann Scheins komplex-vielfältige Motette ''Das ist mir lieb'' das Konzert. Es gab langen Beifall.
 
 

Erscheinungsdatum: Mittwoch 19.10.2004
Quelle: http://www.suedwest-aktiv.de/

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